1 · Grundlagen
Schätzungen dienen drei Dingen: Planbarkeit, Priorisierung und – oft unterschätzt – dem gemeinsamen Verständnis. Wenn zwei Personen dieselbe Story völlig unterschiedlich bewerten, haben sie meist unterschiedliche Dinge im Kopf. Genau diese Diskussion ist der eigentliche Wert einer Schätzrunde.
Agile Teams schätzen meist in Story Points: einer einheitslosen, relativen Grösse. Menschen sind schlecht darin, absolute Dauern vorherzusagen, aber gut darin, Dinge relativ zueinander einzuordnen. «Ungefähr 8 Punkte» ist deshalb eine gute Schätzung – «6,25 Stunden» täuscht eine Präzision vor, die es früh im Projekt gar nicht geben kann.
2 · Die Fibonacci-Skala
Die meisten Decks nutzen die Fibonacci-Reihe (1, 2, 3, 5, 8, 13, 21 …) oder ihre modifizierte Variante (0, ½, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 20, 40, 100). Die wachsenden Abstände bilden wachsende Unsicherheit ab: Ob etwas 2 oder 3 Punkte hat, lässt sich sinnvoll diskutieren – ob 20 oder 21, nicht. Werte ab 13 sind weniger Schätzung als Diagnose: Die Story ist zu gross und gehört geschnitten.
Dazu kommen zwei Sonderkarten: ? («Mir fehlen Informationen» – oft der Auslöser für einen Spike) und ☕ («Pause, bitte»). Beide sind legitime, wichtige Antworten.
3 · Planning Poker – der Klassiker
Alle schätzen gleichzeitig und verdeckt – das neutralisiert den Ankereffekt (wer zuerst eine Zahl hört, schätzt in deren Nähe) und verhindert, dass die lauteste oder ranghöchste Person die Runde dominiert.
Ablauf
- Story vorstellen und Verständnisfragen klären – noch keine Zahlen nennen.
- Verdeckt wählen: Alle Schätzenden wählen gleichzeitig eine Karte.
- Gleichzeitig aufdecken, erst wenn alle gewählt haben.
- Ausreisser sprechen lassen: Höchste und tiefste Karte begründen kurz ihre Sicht.
- Erneut schätzen – nach der Diskussion konvergiert das Team meist in ein bis zwei Runden.
- Wert festhalten – bei BESTIMATE automatisch im Rundenverlauf.
Ideal für Sprint-Refinements mit 3–9 Schätzenden und einer Handvoll Storys. Ungeeignet für 60 unbearbeitete Backlog-Einträge – dafür gibt es Bucket System und Magic Estimation.
4 · T-Shirt-Sizing
Geschätzt wird in Grössen statt Zahlen: XS bis XXL. Mit Buchstaben kann niemand rechnen – keine Durchschnitte, keine Scheinpräzision. Das macht das Verfahren ideal für frühe Phasen: Roadmaps, Epics, Diskussionen mit Stakeholdern.
| Grösse | Bedeutung | Typisches Punkte-Mapping |
|---|---|---|
| XS | Trivial, kaum Unsicherheit | 1 |
| S | Klein, gut verstanden | 2–3 |
| M | Normale Story | 5 |
| L | Gross, erste Unbekannte | 8 |
| XL | Sehr gross – schneiden prüfen | 13 |
| XXL | Epic – muss geschnitten werden | 20+ |
5 · Für grosse Backlogs
Bucket System
Auf dem Board liegen «Eimer» mit Werten (0, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 20, 30, 50, 100). Eine Referenz-Story wird gemeinsam eingeordnet, alle weiteren werden relativ dazu einsortiert – zum Schluss parallel und mit kurzer Begründung. So schafft ein Team 50–200 Einträge in ein bis zwei Stunden.
Magic Estimation
Die schnellste Methode – und sie läuft grösstenteils schweigend ab: Storys werden verteilt und ohne Diskussion einer Skala zugeordnet; danach darf jede Person Karten anderer umhängen. Nur Karten, die mehrfach hin- und herwandern, werden am Schluss kurz besprochen. Perfekt für die Erstschätzung eines ganzen Backlogs.
6 · Drei-Punkt-Schätzung / PERT
Aus dem klassischen Projektmanagement: Statt eines Werts nennt man drei – optimistisch (O), realistisch (M), pessimistisch (P).
E = (O + 4·M + P) / 6
O = 2 Tage, M = 4 Tage, P = 12 Tage → E = 5 Tage. Die Aussage ist nicht «5 Tage», sondern «vermutlich 5, realistisch zwischen 3 und 7».Geeignet für Aufwände in Zeit oder Geld – Offerten, Werkverträge, grosse Einzelvorhaben.
7 · #NoEstimates – gar nicht schätzen?
Der Ansatz: Storys möglichst gleich klein schneiden und statt zu schätzen einfach den Durchsatz messen – Prognosen entstehen aus historischen Daten. Das funktioniert gut bei eingespielten Teams mit stabilem Fluss, schlecht bei Festpreis-Offerten und neuen Teams ohne Historie.
8 · Welches Verfahren wann?
| Verfahren | Tempo | Tiefe | Ideal für |
|---|---|---|---|
| Planning Poker | langsam | hoch | Sprint-Refinement, 3–9 Personen, wenige Storys |
| T-Shirt-Sizing | schnell | grob | Epics, Roadmaps, Stakeholder-Kommunikation |
| Bucket System | schnell | mittel | 50–200 Storys, Projektstart, Release-Planung |
| Magic Estimation | sehr schnell | grob | Erstschätzung ganzer Backlogs |
| Drei-Punkt / PERT | mittel | hoch | Offerten, Einzelvorhaben, Zeit-/Geldaufwände |
| #NoEstimates | — | — | Eingespielte Flow-Teams mit stabiler Historie |
9 · Tipps & typische Fehler
- Referenzstorys pflegen: Zwei, drei abgeschlossene Storys als Eichpunkte («Das war eine 3, das eine 8») kalibrieren neue Teammitglieder in Minuten.
- Ausreisser sind Gold: Min und Max begründen zu lassen ist der wertvollste Moment der Runde – nie einfach übermitteln.
- Timebox setzen: Zwei Schätzrunden plus Diskussion, dann entscheiden. Bei 5 vs. 8 im Zweifel die 8 nehmen.
- Kein Anker vorweg: «Das ist doch höchstens eine 3, oder?» – und die Runde ist ruiniert. Zahlen erst nach dem Aufdecken.
- Punkte nicht in Stunden umrechnen: «1 Punkt = 4 Stunden» zerstört den Sinn relativer Schätzung.
- Schätzung ≠ Commitment: Wer Teams an Schätzungen festnagelt, bekommt künftig nur noch gepolsterte Zahlen.
Theorie fertig – Zeit zum Spielen
Erstelle einen Raum, wähle dein Deck und probiere Planning Poker direkt mit deinem Team aus.