Der Guide

Anleitung

Alles Wichtige an einem Ort: die gängigen Schätzverfahren aus der agilen Praxis, die Bedienung von BESTIMATE und was in den Exporten steckt.

1 · Grundlagen & Bedienung

Schätzungen schaffen Planbarkeit, Priorisierung und – oft unterschätzt – gemeinsames Verständnis: Bewerten zwei Personen dieselbe Story völlig unterschiedlich, haben sie Verschiedenes im Kopf – und genau diese Diskussion ist der Wert der Runde. Geschätzt wird meist relativ in Story Points – «ungefähr 8 Punkte» ist ehrlich, «6,25 Stunden» täuscht Präzision vor.

Merksatz: Story Points messen die Grösse des Problems, nicht die Zeit der Lösung – die Umrechnung in Zeit passiert nur über die Velocity des Teams.

Ablauf einer Schätzrunde (Planning Poker)

Alle wählen gleichzeitig und verdeckt – das neutralisiert den Ankereffekt und verhindert, dass die lauteste Person dominiert. Der Urahn Wideband Delphi (anonyme Runden mit Moderation) funktioniert genauso: Moderation als Beobachter:in, mehrere Runden, bis die Spannweite klein ist.

  1. Story vorstellen, Fragen klären – noch keine Zahlen nennen.
  2. Verdeckt wählen – alle gleichzeitig.
  3. Gemeinsam aufdecken.
  4. Ausreisser begründen lassen (höchste und tiefste Karte).
  5. Erneut schätzen – meist konvergiert das Team in ein, zwei Runden.
  6. Wert festhalten – bei BESTIMATE automatisch im Verlauf.

BESTIMATE bedienen

  • Raum erstellen & einladen: Deck wählen (gilt fix für den Raum), 8-stelligen Code, Link oder QR teilen. Beitritt ohne Konto, Name optional («Bestimater 1, 2, …»), Zuschauende wählen die Beobachter-Rolle.
  • Schätzen & aufdecken: Stimmen bleiben verdeckt bis zum Aufdecken – per Button, automatisch sobald alle gewählt haben, oder per Timer (30 Sekunden bis 5 Minuten). Danach zeigt der Raum Ø, Median, Spannweite und Verteilung; jede Runde landet im Verlauf. Ein Reload wirft dich nicht raus.
  • Lebensdauer: Leere Räume werden nach 2 Stunden unwiederbringlich gelöscht, jeder Raum endet spätestens nach 48 Stunden (Countdown ab Stunde 46); Nummern bleiben 7 Tage gesperrt. Keine Konten, kein Tracking, keine Wiederherstellung.

Verlauf exportieren

«Verlauf exportieren …» öffnet einen Dialog: Runden und Formate wählen – alles läuft im Browser. Doku (PDF): Bericht mit Dashboard (Konsensquote, Einigkeit, Spannweiten, meistgespielte Karten) und allen Runden samt Stimmen. Excel (CSV): eine Zeile pro Runde mit allen Kennzahlen. Jira/Confluence: Wiki-Markup-Tabelle zum Direkteinfügen.

Tipps & typische Fehler

  • Referenzstorys pflegen – zwei, drei Eichpunkte kalibrieren neue Teammitglieder in Minuten.
  • Ausreisser sind Gold – Min und Max begründen lassen, nie einfach im Durchschnitt untergehen lassen.
  • Timebox setzen – zwei Runden plus Diskussion, im Zweifel den höheren Wert nehmen.
  • Kein Anker vorweg – Zahlen erst nach dem Aufdecken nennen.
  • Punkte nicht in Stunden umrechnen – das zerstört den Sinn relativer Schätzung.
  • Schätzung ≠ Commitment – festgenagelte Teams liefern künftig gepolsterte Zahlen.

2 · Die Fibonacci-Skala

Die meisten Decks nutzen die Fibonacci-Reihe (1, 2, 3, 5, 8, 13, 21 …) oder ihre modifizierte Variante (0, ½, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 20, 40, 100). Die wachsenden Abstände bilden wachsende Unsicherheit ab: Ob etwas 2 oder 3 Punkte hat, lässt sich sinnvoll diskutieren – ob 20 oder 21, nicht. Werte ab 13 sind weniger Schätzung als Diagnose: Die Story ist zu gross und gehört geschnitten.

Dazu kommen zwei Sonderkarten: ? («Mir fehlen Informationen» – oft der Auslöser für einen Spike) und ☕ («Pause, bitte»). Beide sind legitime, wichtige Antworten.

So geht’s in BESTIMATE

Beim Raum erstellen das Deck Fibonacci (klassisch) (Standard) oder Fibonacci (modifiziert) wählen.

3 · Fist of Five

Weniger eine Schätz- als eine blitzschnelle Konsens-Methode: Alle zeigen gleichzeitig 0–5 Finger. 5 heisst «voll dahinter», 3 «kann ich mittragen», 0 «Veto – wir müssen reden». Perfekt für Fragen wie «Ist die Story ready?» oder «Committen wir uns auf diesen Sprint-Umfang?». Oft dient Fist of Five auch als Confidence Vote: Wie viel Vertrauen haben wir, das Sprintziel zu erreichen?

  • 5 – volle Zustimmung · 4 – Zustimmung mit kleinen Zweifeln · 3 – kann ich mittragen
  • 2 – ernsthafte Bedenken, diskutieren · 1 – starker Widerspruch · 0 – Veto, stopp
So geht’s in BESTIMATE

Deck Fist of Five wählen – die Karten zeigen Handzeichen ✊–🖐️, gezählt wird immer die Zahl 0–5 dahinter. Das verdeckte Wählen hält den Check ehrlich – alles unter 3 verdient eine kurze Diskussion, bevor es weitergeht.

4 · T-Shirt-Sizing

Geschätzt wird in Grössen statt Zahlen: XS bis XXL. Mit Buchstaben kann niemand rechnen – keine Durchschnitte, keine Scheinpräzision. Das macht das Verfahren ideal für frühe Phasen: Roadmaps, Epics, Diskussionen mit Stakeholdern.

GrösseBedeutungTypisches Punkte-Mapping
XSTrivial, kaum Unsicherheit1
SKlein, gut verstanden2–3
MNormale Story5
LGross, erste Unbekannte8
XLSehr gross – schneiden prüfen13
XXLEpic – muss geschnitten werden20+
So geht’s in BESTIMATE

Deck T-Shirt-Grössen wählen – BESTIMATE zeigt Median und Spannweite in Grössenstufen.

5 · Sequenziell 1–10

Die vertrauteste aller Skalen – wie Noten. Gut für schnelle Bauchgefühl-Checks und für Teams, die neu mit dem Schätzen anfangen; die feinen Abstände verführen allerdings zu Scheindebatten («eine 6 oder eine 7?»), wo Fibonacci bewusst Lücken lässt.

So geht’s in BESTIMATE

Deck Sequenziell 1–10 wählen.

6 · Zweierpotenzen

1, 2, 4, 8, 16, 32, 64 – jede Stufe verdoppelt. Das erzwingt bei jeder Karte die eine klare Frage «doppelt so gross wie das?» und verhindert Feilschen um Zwischenwerte. Stark für grobe Architektur- und Epic-Schätzungen.

So geht’s in BESTIMATE

Deck Zweierpotenzen wählen.

7 · Idealtage

Die klassische absolute Skala: Wie viele ungestörte Arbeitstage bräuchte das – ohne Meetings, ohne Unterbrechungen? Für Stakeholder greifbarer als Punkte, verführt aber zu Scheingenauigkeit und persönlichen Vergleichen («wieso brauchst du 3 Tage?»). Passt für zeit- und budgetgetriebene Planung, nicht für die Sprint-Velocity.

So geht’s in BESTIMATE

Deck Idealtage (½–20) wählen. Das Ergebnis liest sich als Tage – Ø und Median helfen beim Budgetieren.

8 · Bucket System

Auf dem Board liegen «Eimer» mit Werten (0, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 20, 30, 50, 100). Eine Referenz-Story wird gemeinsam eingeordnet, alle weiteren werden relativ dazu einsortiert – zum Schluss parallel und mit kurzer Begründung. So schafft ein Team 50–200 Einträge in ein bis zwei Stunden – die erste Wahl für grosse Backlogs.

So geht’s in BESTIMATE

Deck Bucket-Skala (0–200) wählen. Tipp: zuerst eine Referenz-Story gemeinsam schätzen, danach den Rest zügig relativ dazu einsortieren.

9 · Magic Estimation

Die schnellste Methode – und sie läuft grösstenteils schweigend ab: Storys werden verteilt und ohne Diskussion einer Skala zugeordnet; danach darf jede Person Karten anderer umhängen. Nur Karten, die mehrfach hin- und herwandern, werden am Schluss kurz besprochen. Perfekt für die Erstschätzung eines ganzen Backlogs.

So geht’s in BESTIMATE

Deck Magic Estimation wählen. Das gleichzeitige, verdeckte Wählen ist das stille Einsortieren – diskutiert danach nur die Ausreisser.

10 · Drei-Punkt-Schätzung / PERT

Aus dem klassischen Projektmanagement: Statt eines Werts nennt man drei – optimistisch (O), realistisch (M), pessimistisch (P).

Formel & Beispiel

E = (O + 4·M + P) / 6

O = 2 Tage, M = 4 Tage, P = 12 Tage → E = 5 Tage. Die Aussage ist nicht «5 Tage», sondern «vermutlich 5, realistisch zwischen 3 und 7».

Geeignet für Aufwände in Zeit oder Geld – Offerten, Werkverträge, grosse Einzelvorhaben.

So geht’s in BESTIMATE

Deck Drei-Punkt (PERT) wählen – eine dichte Zeitskala (½–50, z. B. Stunden oder Tage) – und pro Ticket drei Runden spielen – optimistisch, realistisch, pessimistisch – und die drei Mediane in E = (O + 4·M + P) / 6 einsetzen.

11 · #NoEstimates – gar nicht schätzen?

Der Ansatz: Storys möglichst gleich klein schneiden und statt zu schätzen einfach den Durchsatz messen – Prognosen entstehen aus historischen Daten. Das funktioniert gut bei eingespielten Teams mit stabilem Fluss, schlecht bei Festpreis-Offerten und neuen Teams ohne Historie.

So geht’s in BESTIMATE

Deck NoEstimates wählen: ✓ = klein genug, ✂ = Ticket teilen, ? = unklar. Statt Zahlen entsteht eine Machbarkeits-Entscheidung pro Ticket.

12 · Welches Verfahren wann?

VerfahrenTempoTiefeIdeal für
Planning PokerlangsamhochSprint-Refinement, 3–9 Personen, wenige Storys
Wideband Delphilangsamsehr hochViel auf dem Spiel, weit auseinanderliegende Meinungen
Fist of Fivesehr schnellgrobKonsens- und Confidence-Checks
T-Shirt-SizingschnellgrobEpics, Roadmaps, Stakeholder-Kommunikation
Sequenziell 1–10schnellgrobSchnelle Bauchgefühl-Checks, Einsteiger-Teams
ZweierpotenzenschnellgrobGrobe Architektur- und Epic-Schätzungen
IdealtagemittelhochZeit-/Budgetplanung, Offerten
Bucket Systemschnellmittel50–200 Storys, Projektstart, Release-Planung
Magic Estimationsehr schnellgrobErster Durchgang über ganze Backlogs
Drei-Punkt / PERTmittelhochOfferten, Einzelvorhaben, Aufwand in Zeit/Geld
#NoEstimates——Eingespielte Flow-Teams mit stabiler Historie

Theorie fertig – Zeit zum Spielen

Erstelle einen Raum, wähle dein Deck und probiere Planning Poker direkt mit deinem Team aus.